Die Politik und die kantonalen Verwaltungen entscheiden immer wieder über das Schicksal der Kinder. Das Schulwesen und die Fremdbetreuung werden laufend ausgebaut. Wie viele dieser Entscheidungsträger haben aber selber Kinder im richtigen Alter, an denen sie die Auswirkungen dieser Entscheidungen direkt miterleben können? Wo ist die Lobby der kleinen Kinder? Wo geht es um das konkrete Kind, anstatt um das Parteiprogramm oder die eigene Ideologie? Wann dürfen Kinder noch Kinder sein?

„Familienfreundlich“ bedeutet heute vor allem eines: Möglichst viel Fremdbetreuung. Subventionen an Kinderkrippen, der Kindergarten wurde obligatorisch, die Anzahl Lektionen in der Schule steigt, Tagesstrukturen und Mittagstische werden angeboten. Für die erwerbstätigen Eltern wird viel getan. Aber wer denkt dabei an die Kinder?

Chancengleichheit auf Kosten von Kindern

Bei Entscheidungen im Schulwesen dominiert immer wieder das Schlagwort „Chancengleichheit“: Möglichst früh und möglichst viel Zeit in Kindergarten und Schule zu verbringen, biete gerade sozial schwächeren und fremdsprachigen Kinder gute Integrationschancen. Es scheint aber vergessen zu gehen, dass jedes 4- und 5-jährige Kind per se schutzbedürftig ist – egal was für einen Hintergrund es mitbringt. Was für die einen Chancengleichheit bedeutet, bedeutet für ein anderes Kind eine grosse Last, die ihr das Kind-Sein zu nehmen droht. Die Chancengleichheit ist wichtig, aber sie sollte nicht auf Kosten von anderen kleinen Kindern gewährleistet werden – zum Beispiel durch viele und lange obligatorische Unterrichtszeiten. Die Last der Chancengleichheit sollte durch den Einsatz von Erwachsenen getragen werden. Wer denkt hier an die betroffenen Kinder?

Was die Auswirkungen der politischen Entscheide auf die einzelnen Kinder hat, scheint kaum ein Thema zu sein. Die Argumente im Abstimmungskampf haben ihren Ursprung meistens in Parteiprogrammen und „politisch korrekten“ Ideologien, aber nicht im realen Leben der Kinder. Wie es dem einzelnen Kind geht, wissen die Experten im Fort der pädagogischen Hochschulen nicht und auch nicht die Politiker, sondern alleine die Eltern. Sie sind die einzigen, die das Kind erleben, wenn es von der Schule und dem Kindergarten nach Hause kommt. Dass man sich auswärts zusammenreisst und erst in den eigenen vier Wänden gehen lässt und da dann die wahren Energiereserven gezeigt werden, ist auch bei uns Erwachsenen oft so. Im Kanton Aargau muss ein 5-jähriges Kindergartenkind als Beispiel 22 Lektionen Unterricht pro Woche bewältigen, was für einige problemlos möglich ist. Aber viele Eltern melden: Für ihr Kind ist dies zu viel. Das Kind lebt fast nur noch für den Kindergarten, weil die ganze Energie dort aufgebraucht wird. Einfach Kind-Sein bleibt dabei auf der Strecke.

Bedürfnisse der introvertierten Kinder werden ignoriert

Gerade introvertierte Kinder, die in Gruppen zwar genauso mitmachen und Spass haben wie die anderen, sind nach der Kindergartenzeit ausgelaugt und müde. Es gibt auch bei den Erwachsenen Menschen, die in Gruppen auftanken und gestärkt werden, während andere zwar genauso Freude am Treffen von Leuten haben, aber anschliessend ausgelaugt sind und erst im Alleinsein und in der ungeplanten Zeit auftanken. Wer denkt bei politischen Entscheidungen an diese introvertierten Kinder? Was ist mit deren Chancengleichheit?

Wer lobbyiert für die kleinen Kinder?

Der katholische Journalist Phil Lawler listet europäische Staatschefs auf, die alle nicht auf die persönliche Erfahrung mit Kindern zurückgreifen können. Es geht ihm dabei nicht darum auf kinderlosen Menschen herumzuhacken. Es ist klar, dass gerade unfreiwillige Kinderlosigkeit mit viel Leid verbunden ist. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Wer in der Politik kennt die Anliegen und Nöte der kleinen Kinder, die selber keine Lobby haben? Emanuel Macron (Frankreich), Angela  Merkel (Deutschland), Theresa May  (Grossbritannien) Paolo Gentiloni (Italien), Mark Rutte (Holland), Stefan Löfven (Schweden),  Xavier Bettel (Luxemburg), Nicola Sturgeon (Irland) und Jean-Claude Juncker (EU-Kommissionspräsident) gehören bei Lawlers Rundschau zu den Politikgrössen ohne Kinder. Dass es auch mit Kindern geht zeigen Tony Blair, Barack Obama oder Ursula van der Leyen, die gar eine Grossfamilie hat.
Es liegt in der Sache der Natur, dass diejenigen, die kleine Kinder haben, selber zu absorbiert sind, um in der Politik oder der Verwaltung Karriere zu machen. Die Eltern von Kindern, die in Krippe und langen Unterrichtszeiten im Kindergaren problemlos mitmachen, sehen die Nöte der anderen, bei denen das nicht so einfach klappt leider auch nicht.

 

Die Schweizerische Stiftung für die Familie listet drei Bereiche auf, in denen die Politik die Kinder nur von weitem sieht:

Das Bildungswesen – gut für problemlose Schüler

Dass die Schweizer Schulen und das gesamte Bildungswesen mit vielen Herausforderungen konfrontiert sind, weiss auch die Politik – zumindest theoretisch. Was es aber konkret bedeuten kann, wenn eine Lehrperson überfordert ist, wissen nur Eltern wirklich, die ein Kind in einer «schwierigen» Klasse haben. Ebenso, wo die Defizite liegen, sobald es um eine spezielle Unterstützung eines Kindes geht. Politiker können konkrete Beispiele als Einzelfälle abtun. Sie reagieren oft erst, wenn Medien ein Problem thematisieren. Eltern fühlen sich alleingelassen. Sie werden zwar in die Verantwortung genommen, zum Beispiel bei Problemen mit der modernen Kommunikationswelt mit ihren Fallgruben, vermissen aber eine wirkliche Unterstützung der Politik. Zum Beispiel einen Schutz vor destruktiven Medieninhalten.

Das Sozialwesen – nur die Kosten zählen

Die Politik ist sich, ganz besonders in der Schweiz, gewohnt, alles über den Kostenfaktor abzuhandeln. Gerade auch in Familien. Zuerst werden Steuern gesenkt und dann Sparrunden gedreht. Der Kampf um eine bessere Unterstützung der Familien, insbesondere von Grossfamilien brachte bislang wenig hervor. Ein Grund dafür könnte darin liegen, dass nicht nur Staatspräsidenten, sondern auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen in den Parlamenten die Probleme nicht aus eigener Erfahrung kennen. Ein Beispiel für mangelndes Verständnis für die Situation der Familien ist die konsequente Weigerung der Politik, einen Ausgleich zu schaffen, welche die Nachteile von Eltern auch in der privaten Vorsorge wenigstens teilweise kompensiert.

Das Gesundheitswesen – zu teuer für die Bedürfnisse von Familien

Auch das Gesundheitswesen wird vor allem als Kostenfaktor gesehen. Wohl den Eltern, die gesunde Kinder haben. Wer für seine Kinder gewisse medizinische und therapeutische Hilfen braucht, zum Beispiel für Zahnkorrekturen, muss oft hohe Beträge selbst stemmen. Oder mit dem Problem klar kommen, dass es immer weniger Kinderärzte gibt, die ihrerseits finanziell schlechter gestellt sind als andere Spezialisten. Oder die grosse Distanz zur nächsten Kinderklinik. Oder wie eine Familie mit einem schwer kranken oder behinderten Kind klar kommt. Hier lernen Eltern das System oft als sehr familienfeindlich kennen.