Oft fühlt sich der Autor dieses Textes als Umweltsünder, weil er in Diskussion über die Energiepolitik nicht euphorisch ins gleiche Horn bläst, wie seine Öko-Freunde. Aber nun stellt er fest, dass er selber umweltfreundlicher lebt, als viele von ihnen.

Wie oft habe ich mich schon in Diskussionen um den Umweltschutz verstrickt … Da habe ich mich wohl als Gegner von zu vielen Eingriffen durch den Staat in Sachen Umweltschutz geoutet. Einigen haben mich wohl sogar Missverstanden und denken ich sei irgendwie "für den Klimawandel". Aber nun merke ich: Der Schein trügt! Überrascht stelle ich fest: Viele meine Diskussionspartner reden gerne über den Umweltschutz und stellen Forderungen an die anderen und an den Staat. – Aber im eigenen Leben Energie sparen? … nö.

Wo verbrauchen wir viel Energie?

Ein Flugzeug verbraucht beim Starten mehr Fossile Energie, als eine Ölheizung eines Einfamilienhauses in einem ganzen Jahr. Viele meiner Diskussionsfreunde verreisen mehr als einmal pro Jahr mit dem Flugzeug und wettern gleichzeitig gegen Leute, die (noch) mit Öl heizen. Oder sie buchen eine Kreuzfahrt – Schiffe sind die grössten Umweltsünder, weil diese das günstige Schweröl mit ganz viel Schwefel benützen. Der Schadstoffausstoss der 15 grössten Schiffe soll 750 Millionen Autos entsprechen – hmm, diskutieren wir nicht manchmal am Problem vorbei?

Meine Freunde zeigen mir die Statistiken über die Umweltverschmutzung auf dem neusten elektronischen Gerät – geliefert mit dem Schiff oder Flugzeug aus China. Dass Herstellung und Transport viel Energie verbraucht, scheint vergessen, wenn Apple ein neues Gerät auf den Markt bringt. In wie vielen Wohnungen liegt mehr als ein Tablet herum, deren Akku immer wieder neu geladen werden müssen? Apropos heizen: Ein Grad weniger, dafür eine Schicht mehr anziehen im Winter, ist in unserem Haushalt selbstverständlich, während meine Diskussionspartner in überheizten Wohnungen sitzen. Und im Sommer wird die Klimaanlage bei jeder Gelegenheit laufengelassen. Ein Schweissfilm auf der Stirn ist verpönt – dabei wäre gerade dieser Schweissfilm die umweltfreundlichste Abkühlung für den Körper. Ein energiesparender normaler Kühlschrank täte es auch, aber es muss ein riesiges Foodcenter (sprich riesiger Kühlschrank) sein, der in der Küche steht und neuerdings auch noch einer im Garten. Einfach mal zuhause sein geht nicht, man reist an jeden Sport- und anderen Grossanlass, oder für einen Kurzausflug in die Berge oder in eine schicke Stadt. Wohlgemerkt, ich rede hier von Menschen, die gerne von Öko reden …

Bin ich vielleicht deshalb gegen die sozial unverträgliche Verteuerung von Energie, weil ich bereits überall, wo es geht, Energie spare? Gemäss Berechnung im Internet verbraucht meine Familie unterdurchschnittlich viel Energie und hat unterdurchschnittlich viel CO2 Ausstoss. – Sind viele deshalb für mehr Öko, weil sie bei sich selber noch ein riesiges Sparpotential sehen oder sogar ein schlechtes Gewissen gegenüber unserer Erde haben?

Wie sozial-verträglich ist die Energiewende?

In den Diskussionen vertrete ich jeweils die Haltung, dass auch der Klimaschutz sozialverträglich sein muss. Es kann doch nicht sein, dass sich in Zukunft nur noch die Reichen "Umweltverschmutzung" leisten können, während alle anderen auf Mobilität, Bequemlichkeit und Ferien verzichten müssen. Natürlich kann man ein energiesparendes Haus bauen oder umbauen – und die Wohlbetuchten können sich das auch leisten. Und alle anderen? Oder: Das Benzin soll künstlich teurer werden, um den Verbrauch zu verringern. Das trifft das Familienbudget hart: Um alle Personen mit Gepäck transportieren zu können, braucht es ein grosses Auto (für alle Städter: Auf dem Land ist die ÖV-Anbindung nicht so wie bei euch). Das Auto: Occasion natürlich, weil wir uns ein Neues in dieser Dimension nicht leisten können. Aber alte Autos trinken viel. Jeder Aufschlag beim Benzin ist spürbar. In Diskussionen höre ich den Vorwurf: "Warum fährst du  alleine in dem riesigen Auto herum? Umweltfreundlich wäre ein kleines!" Nun, erstens haben wir das Geld nicht für ein zweites Auto und zweitens verbraucht ein zweites Auto bei der Herstellung und dem Transport in die Schweiz auch Energie; diese können wir uns getrost sparen. Der Transport auf Weltmeerschiffen gehört zu den Umweltschädlichsten überhaupt – die Schwerölproblematik bei Ozeanschiffen habe ich schon angesprochen.

Stellt also bitte weniger unsoziale Forderungen, die nur den kleinen Leute im Portemonnaie wehtun und im Gegensatz zu Flugzeugen, Weltmeerschiffen und der Industrie auf unser Klima nur beschränkt eine Auswirkung haben, sondern fragt euch selbst: Wo verbrauche ich selber am meisten Energie? Wäre weniger (inkl. Reisen, Gadgets usw.) nicht manchmal mehr? Ich ahne, dass trotz Überfluss wieder zu verzichten lernen, eine der wichtigsten Tugenden für eine sozialverträgliche Energiewende wäre. Der Umweltschutz im eigenen Leben scheitert bei vielen, weil sie nicht mehr genügsam glücklich sein können. Wer das Glück im Konsum und Reisen sucht, der belastet die Umwelt.