Was haben Bindung und Bildung mit Gewalt zu tun? Wie kommt es zur Jugendgewalt – und wie kann man Gegensteuer geben? Zu diesem Themenblock fand Anfahng Juli 2013 in München eine Fachtagung statt.

(SSF/im.) An der vom In­sti­tut für De­mo­gra­phie, All­ge­mein­wohl und Fa­mi­lie (iDAF) or­ga­ni­sier­ten Ta­gung be­schrieb Josef Kraus, Prä­si­dent des deut­schen Leh­rer­ver­ban­des, die Pro­ble­ma­tik aus der Sicht der Schu­le. Er sieht in der Ju­gend­ge­walt ein gra­vie­ren­des ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem, auch wenn die Sta­tis­tik in Bay­ern eine leicht ab­neh­men­de Ten­denz bei ju­gend­li­chen Ge­walt­de­lik­ten aus­weist.  

Keine „ge­walt­tä­ti­ge Ju­gend“

Kraus wies al­ler­dings den durch Me­di­en­be­rich­te ge­stütz­ten Ein­druck einer ge­walt­tä­ti­gen Ju­gend zu­rück. „Aber die von Ju­gend­li­chen aus­ge­üb­te Ge­walt ist bru­ta­ler ge­wor­den, und die Hemm­schwel­len sind ge­sun­ken“, so Kraus. Der Gym­na­si­al­di­rek­tor und Di­plom­psy­cho­lo­ge wehr­te sich auch da­ge­gen, ein­fa­che Lö­sun­gen und mo­no­k­au­sa­le Ur­sa­chen zu be­nen­nen. Dem ge­walt­tä­ti­gen Han­deln jedes ein­zel­nen Ju­gend­li­chen liege ein gan­zes Bün­del von Ur­sa­chen zu­grun­de. Kraus nann­te den „Man­gel an Em­pa­thie, Sprach­lo­sig­keit, Man­gel an ar­gu­men­ta­ti­vem Ver­hal­ten, Angst wegen so­zia­ler und er­leb­ter Min­der­wer­tig­keit, Lan­ge­wei­le und in der Folge die Suche nach me­dia­lem Ner­ven­kit­zel. Aber auch die Er­fah­rung von Ge­walt in der ei­ge­nen Fa­mi­lie, ins­be­son­de­re als Ge­walt­op­fer, fa­mi­liä­re Ent­wur­ze­lung und „Drop-out“-Er­fah­run­gen im Schul- und Aus­bil­dungs­sys­tem sowie der Kon­sum von ex­zes­si­ver Ge­walt präg­ten die ju­gend­li­chen Ge­walt­tä­ter. Kraus kri­ti­sier­te dies­be­züg­lich die la­sche Hal­tung der Be­hör­den und der Po­li­tik ge­gen­über ge­walt­ver­herr­li­chen­den und por­no­gra­fi­schen Me­di­en­pro­duk­ten, wel­che auf Ju­gend­li­che ziel­ten.

Zu­erst die El­tern ...

Für die Prä­ven­ti­on von Ju­gend­ge­walt sind laut Kraus „alle“ ge­for­dert: zu­erst die El­tern, dann die ge­sell­schaft­li­chen Vor­bil­der und nicht zu­letzt die Me­di­en. Den El­tern fällt eine ganz be­son­de­re Ver­ant­wor­tung zu. Kraus: „Es braucht eine Re­nais­sance an Er­zie­hungs­ver­ant­wor­tung. Dabei sei der Fak­tor Zeit ent­schei­dend. Kin­der brauch­ten die un­struk­tu­rier­te Zeit ihrer El­tern vor allen „Rund­um-För­der­pro­gram­men“.  

Sys­tem­im­ma­nen­tes Pro­blem?

Kraus wand­te sich gegen den Ver­dacht, das Schul­sys­tem selbst könne ge­walt­för­dernd sein. Er räum­te aber ein, dass Klas­sen­grös­sen und Klas­sen­struk­tu­ren Frus­tra­tio­nen aus­lö­sen könn­ten. Dann zum Bei­spiel, wenn 1/3 der Klas­se über­for­dert und ein wei­te­res Drit­tel un­ter­for­dert sei. Er grenz­te sich von einer „Spass­päd­ago­gik“ ab und for­der­te eine ent­schie­de­ne Ver­stär­kung der Prä­senz von Schul­psy­cho­lo­gen an den baye­ri­schen Schu­len. Die Lehr­per­so­nen seien aus­ser­dem ge­for­dert, Be­zie­hun­gen zu und unter den Schü­lern zu för­dern. Dazu brau­che es spe­zi­fi­sche Wei­ter­bil­dung. Sie müss­ten ein Sen­so­ri­um für ge­fähr­de­te Ju­gend­li­che ent­wi­ckeln. Am Sys­tem selbst kri­ti­sier­te der die Ten­denz seit den Pi­sa-Ra­tings, dass Bil­dung zu einer „uti­li­ta­ris­ti­schen Qua­li­fi­ka­ti­ons­hys­te­rie“ zu wer­den drohe. Der Be­schleu­ni­gungs­wahn in der Bil­dung lasse im üb­ri­gen immer we­ni­ger Frei­räu­me für aus­ser­schu­li­sche Tä­tig­kei­ten in Sport oder Musik übrig.