Es kann verlorene Scham sein, aber auch die mangelnde Fähigkeit, Scham zu verarbeiten, welche junge Männer zu Schlägern macht. Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz, Professorin für Philosophie und Religion an der Technischen Universität Dresden, erklärt weshalb.

(SSF/im.) Jugendliche Gewalttäter und Amokläufer haben Erfahrungen gemacht, welche zum Verlust von Scham geführt haben oder aber: Sie waren nicht in der Lage, Scham und Erniedrigung, die sie erfahren haben, zu verarbeiten und damit umzugehen. Scham gehört zur Persönlichkeit eines Menschen. Sie hindert uns daran, Anderen Schaden zuzufügen. Sie ist ein psychologisches Phänomen, wird aber auch durch kulturelle Kodierungen ausgeprägt. Sie ist angeboren, wird aber auch durch die Erziehung ausgeformt. Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz sprach dazu an einem Kongress über Jugendgewalt Im Juli in München.

Erniedrigung und Demütigung als Ursachen

Destruktiv kann sich Scham auswirken, wenn Jugendliche immer wieder erniedrigt und gedemütigt werden. Ein Gewaltausbruch bis hin zum Amoklauf kann ein Versuch sein, das dadurch entstandene Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren. Jugendliche Amokläufer sind oft Aussenseiter, die im realen Leben, zum Beispiel in der Schule, versagt haben und dadurch auch gedemütigt sind.

Bei jungen Männern kann Gewalt ein Ausdruck der Suche nach Geschlechtsidentität sein. Sie wollen sich durch körperliche Überlegenheit Respekt verschaffen. Oft ist es aber ihre einzige Möglichkeit, sich durchzusetzen, weil sie keine anderen Mittel kennen und andererseits die Schwelle zur Gewaltausübung sehr niedrig ist, weil es ihnen an Empathie für die Opfer fehlt.

Wichtig: die Prävention in Familie und Schule

Wichtig ist für Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz, dass Täter mit den Opfern konfrontiert werden, dass sie ihnen in die Augen schauen müssen. Sie müssen Mitgefühl mit den Opfern erlernen. Sie müssen lernen, sich in ihre Lage zu versetzen. „Das Erlernen von Mitgefühl zerstört den Spass an der Gewalt“, sagt Gerl-Falkowitz. Wo aber die Konfrontation nicht geschieht, fühlt sich der Täter zum Weitermachen ermutigt. Er muss sich selbst erhöhen, indem er andere erniedrigt.

Wichtig ist daher, dass Heranwachsende nicht ständig gedemütigt und erniedrigt werden. Gerl-Falkowitz: „Wir alle brauchen den Selbstwertzuspruch durch andere“. Auch Jugendliche, die durch ihre Defizite in der Schule auffallen, brauchen den Selbstwertzuspruch. Sie müssen spüren, dass sie jemand mag. Hier sind gerade die Lehrpersonen besonders herausgefordert. Es gilt, den kostbaren Kern in der Seele des jungen Menschen nicht zu verletzen.