Für eine gesunde Entwicklung braucht das Kind eine zentrale Bindungsperson. Diese Beziehung gehört zu den Grundbedürfnissen wie die Luft zum Atmen und die Ernährung. Der Pädiater und Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Karl Heinz Brisch, erklärt die Zusammenhänge.

(SSF/im.) „Bindung ist das gefühlsgetragen Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet.“ So definierte es der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby. Eine so begründete emotionale Bindung kann für einen Menschen überlebenswichtig sein. Die nächstliegende Bindungsperson ist die Mutter. Wie sie ihre Beziehung zum Kind gestaltet, ist für dessen Leben grundlegend. Möglich ist auch eine andere Bezugsperson, die durch eine oder zwei weitere ergänzt werden kann. Aber das Kind braucht eine primäre Bezugsperson, die „den sicheren emotionalen Hafen“ für den Säugling bildet, wie Karl Heinz Brisch sich ausdrückt. Der Pädiater referierte an der Tagung „Bindung – Bildung – Gewaltprävention“ des Instituts für Demografie, Allgemeinwohl und Familie am 5. Juli 2013 in München.

Hauptbindungsperson und nachgeordnete Bindungspersonen

Das Kind sucht seine Hauptbindungsperson dann auf, wenn es unter grossem emotionalem Stress leidet. Von ihr lässt es sich beruhigen. Nachgeordnete Bindungspersonen werden lediglich als Ersatz für die Hauptbindungsperson akzeptiert und können nur bei kleineren Stresserlebnissen trösten.

Je nach Bindungsqualität oder gar fehlender Bindung reagiert das Kind sehr unterschiedlich. Wenn sich das Kind gut gebunden weiss, verhält es sich sicherer, auch wenn die Bindungsperson für eine Zeit das Kind allein lässt. Ängstliches und hilfloses Verhalten weist auf Bindungsdefizite hin.

Eine gesunde Bindung zu ihrem Kind entwickeln vor allem Mütter, die selbst gute Bindungserfahrungen gemacht haben. Umgekehrt tun sich Mütter oder andere Bezugspersonen schwerer, die in diese Hinsicht ein Defizit aufweisen.

Konsequenzen von guter und schlechter Bindung

Eine gute Bindung im Kindesalter hat zur Folge, dass das ältere Kind sich besser vor Belastungen zu schützen oder diese besser zu bewältigen weiss. Er tut sich leichter, Hilfe zu holen und fügt sich gut in eine Gemeinschaft mit andern Kindern ein. Solche Kinder sind auch kreativer, beweisen Flexibilität und Ausdauer und erbringen bessere Gedächtnis- und Lernleistungen. Sie entwickeln ihre Sprache besser, und - was gerade in Belastungen sehr wichtig ist – sie entwickeln eine gesunde Fähigkeit zur Empathie.

Umgekehrt ziehen sich Kinder mit einer ungünstigen Bindungsentwicklung leicht aus der Gemeinschaft zurück und verhalten sich in Krisen unsicherer. Sie tendieren dazu, Probleme allein lösen zu wollen und tun sich schwerer in Beziehungen. Sie sind in ihrem Denken unbeweglicher und weisen eine schlechtere Sprachentwicklung auf. Und – das bis besonders im Blick auf Jugendgewalt von Belang – sie entwickeln die Fähigkeit zur Empathie kaum oder gar nicht.

Schlechtes Bindungsverhalten kann aber nicht nur durch persönliche Probleme der engsten Bezugspersonen entstehen, sondern auch durch Vernachlässigung und die Erfahrung von körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt. Auch häufig wechselnde Bezugspersonen beeinträchtigen die Bindung. Solche Kinder sind höheren Risiken für Unfälle, Sucht und psychischen Störungen ausgesetzt.

Förderung und Prävention

Karl Heinz Brisch hat daher ein Förderprogramm ausgearbeitet, das sich an Eltern, Erziehende, Pädagogen, Mitarbeitende in der Jugendhilfe sowie Familienrichterinnen richtet. Es ist bekannt unter dem Namen SAFE (Sichere Ausbildung für Eltern). Eltern können dieses zum Beispiel vom Beginn der Schwangerschaft bis zum vollendeten ersten Lebensjahres des Kindes belegen. Es wird ergänzt durch eine Hotline, mit der Erziehende in konkreten Situationen Beratung erhalten. Mehr dazu: www.khbrisch.de/12-0-SAFE.html

Zusätzlich hat Brisch auch das Präventionsprogramm „BASE Babywatching“ entwickelt. Es beobachtet das Verhalten von Babys und Kleinkindern im Kindergarten und in der Schule. Es erfasst aggressive und ängstliche Verhaltensstörungen und hilft Mitarbeitenden, adäquat darauf zu reagieren. Mehr dazu: www.base-babywatching.de