Auf Ehepaare mit Partnern um die 50 kommen oft erhebliche Herausforderungen zu. Wie sie bewältigt werden und in Zukunft bewältigt werden müssten, war Thema einer interdisziplinären Tagung an der Universität Fribourg.

(SSF/im.) Wenn Ehepaare in den mittleren Lebensjahren nicht eine Standortbestimmung vornehmen und sich neu miteinander orientieren, ist die Scheidung oft nicht weit. Die Psychologin und Heilpädagogin Pascualina Perrig-Chiello, Honoraprofessorin an der Uni Bern, sprach am 13. Juni in Freiburg Klartext. Viele Paare erlebten eine vorprogrammierte Ehekrise, weil sie sich nicht auf diese Phase vorbereitet hätten. Die Lebenszufriedenzeit vieler Paare sei in dieser Phase am tiefsten. Sie stützt sich dabei auf eigene und fremde Forschungsergebnisse ab. Und sie empfiehlt Ehepaaren, sich in dieser Zeit gemeinsam neu zu orientieren, neue Prioritäten und neue persönliche Standards zu setzen. Gerade auch die Persönlichkeitsveränderungen durch hormonelle Veränderungen machten dies notwendig. Sie bewirkten eine Verschiebung der Geschlechterrollen. Da sei eine intensive Kommunikation zwischen den Partner unabdingbar.

Die Rollenumkehr

Neben der Herausforderung, sich neu auf die Zeit des Alterns vorzubereiten, sind viele noch als Eltern eigener Kinder und oft gleichzeitig als Pflegende ihrer Eltern gefordert. Wenn ein Elternteil pflegebedürftig wird, übernimmt weiterhin häufig eine oder die Tochter die Pflege. 2/3 dieser Frauen reduzieren ihre Erwerbstätigkeit, 16 Prozent geben sie ganz auf. Nebst pflegerischen Aufgaben haben sich auch psychische Probleme zu bewältigen, zum Beispiel die Rollenumkehr: Nun übernimmt eine Tochter die Pflege und den Schutz eines Vaters oder einer Mutter. Die jüngere Generation trägt jetzt die Verantwortung.

Die Grossmütter-Revolution

Die ältere Generation beansprucht die Nachkommen aber nicht nur, sie gibt ihr auch viel zurück. Insbesondere die Grossmütter – 50% von ihnen leben nach dem 75. Altersjahr alleine – leisten pro Jahr in der Schweiz 100 Mio. Stunden Betreuungseinsatz für Kinder. Sie tun dies sehr bewusst und ersparen dem Staat damit rund 2 Mia Franken pro Jahr. Viele leisten Betreuungsarbeit auch für andere Familien und bieten sie auf www.grossmuetter.ch öffentlich an.

Neue Modelle sind gefragt

Überhaupt werden in Zukunft die familiären Beziehungen auch durch ausserfamiliäre ergänzt werden müssen, wie Perrig-Chiello hervorhebt. Denn immer mehr Menschen werden ohne Partner und ohne Nachkommen alt. Daher seien neue Konzepte im Blick auf die Lebensphasen, insbesondere für das Alter, nötig, so die Forscherin. Denn die Befriedigung der pflegerischen Bedürfnisse sei ganz allgemein komplexer geworden. Die neuen Familien- und Lebensmodelle erforderten wiederum neue Modelle der familiären und gesellschaftlichen Solidarität.