Das Internet übt einen grossen Einfluss auf das Medienverhalten der Jugendlichen aus. Das ist nicht neu. Die Medienforschung wartet jetzt aber mit Fakten auf, die ein neues Licht auf die Szene werfen. Zum Beispiel, dass die Nutzer von gestern heute auch Produzenten sind. Und auch sie sind nicht kontrollierbar.

(SSF/im.) Zwei Hauptaussagen lassen sich aus den Studien des Medienforschers Martin Hermida ableiten: Erstens, das Internet und seine Inhalte sind unkontrollierbar. Regulierungen sind aussichtlos. Zweitens: das Internet spielt eine grosse Rolle im Leben der Jugendlichen, aber ein erheblicher Teil der Eltern lässt ihre Kinder hier allein. 52 % der Eltern überprüften laut der Studie nie, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat. 47 % haben ihr Kind noch nie ermuntert, selber Dinge im Internet auszuprobieren oder zu lernen. Und 31 % haben noch nie mit ihrem Kind darüber gesprochen, was es tun kann, wenn es im Internet etwas Beunruhigendes oder Erschütterndes erlebt hat.

Paradoxe Situation

Das Paradoxe ist: Viele Eltern sind sich bewusst, dass sie in der Begleitung ihrer Kinder im Umgang mit modernen Medien ein Problem haben. In einer Studie des Zürcher Medienforschers Martin José Hermida (Universität Zürich) gaben immerhin 39% der befragten Eltern an, sie müssten im Zusammenhang mit der Mediennutzung ihrer Kinder mehr tun. Sie sind entweder selbst nicht mit dem Internet vertraut, haben interkulturellen Hintergrund oder verzichten darauf, weil die Kinder schon älter sind.

Eltern, die ihre Kinder aktiv begleiten, erklären ihnen, weshalb sie gewisse Seiten nicht gut finden. Sie sprechen mit dem Kind darüber, was es gemeinhin im Internet konsumiert oder tut. Oder sie wirken darauf hin, dass Kinder ihre persönlichen Daten nicht preisgeben. Denn die Medien sind omnipräsent. Sämtliche Medien sind heute auf einem kleinen Gerät, dem Smartphone, aktiv oder latent präsent und abrufbar! Dazu kommt, dass das Nutzerverhalten sich geändert hat. Die Medien werden nicht nur passiv konsumiert, sondern die Nutzer werden selbst zu Produzenten. Ein Beispiel dafür ist Youtube, wo jeder seine Videos, die meist mit einem Handy gemacht werden, aller Welt zur Verfügung stellen kann.

Kinder haben Probleme

Hermida wies in einem Vortrag an der Universität Zürich am 22. August darauf hin, dass kritische Inhalte für Kinder nicht immer interessant oder attraktiv sind, sondern ihnen auch Angst machen. zum Beispiel Bilder von Gewalt und Kriegen. Gerade auch hier ist es wichtig, dasss sie mit den Eltern über ihre Eindrücke reden können. Kinder erleben das Internet durchaus auch negativ. Jüngere Kinder empfinden zum Beispiel sexuelle Darstellungen als unangenehm. Umgekehrt räumen 5% der befragten Jugendlichen ein, schon im Internet jemanden gemobbt zu haben.

Eltern müssen keine Internetexperten sein

Hermida betont, dass Eltern nicht unbedingt selbst mit dem Internet vertraut sein müssen, um ihren Kindern und Jugendlichen beizustehen. Noch wichtiger ist die Gesprächskultur in der Familie, besonders wenn die Kinder in der Pubertät oder Adoleszenz sind. Insbesondere führt es nicht weiter, den Jugendlichen das Internet zu verbieten. Denn sie sprechen dann sicher nicht mehr über ihre Erfahrungen damit. Wichtig ist in erster Linie, dass die Eltern ein offenes Ohr für ihre Heranwachsenden haben. Allerdings sei das Bedürfnis nach vermehrter Elternbildung in diesem Bereich ausgewiesen.

Ein weiterer Aspekt zum Schluss. Hermida hat für seine Forschungen das Altersspektrum 9 - 16 Jahre berücksichtigt. Dabei ist ihm deutlich geworden, dass die Mediennutzung, auch im Internet, schon klar unter 9 Jahren beginnt, und dass die Forschung dies berücksichtigen muss.

Zu den Studien von Martin José Hermida