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Ehe früher und heute: Ideal und Wirklichkeit Drucken

 

Das „Golden Age of Marriage“ der 70er Jahre ist längst vorbei. Es stellte eine einmalige Ausnahmesituation dar. An die Stelle der lebenslangen Ehe treten heute „Kaskadenbiographien" von Lebensabschnittspartnerschaften und zunehmenden Single-Phasen.

(SSF/i-DAF/im.) „Dieselben Teens und Twens, die eine Jugend lang die kühle Masche übten“, verwandelten sich bei der Hochzeit „in reine Romeos und Julias“ wunderte sich 1968 der SPIEGEL. In einer „Epoche schock- und popfroher Jugend“ drängten damals mehr Paare als je „mit Frack und Claque, in Samt und Seide – vor Standesbeamte und Traualtare“. Zahlreiche junge Paare heirateten damals schon während des Studiums und selbst minderjährige Brautleute waren keine Seltenheit. Seit 1950 war das durchschnittliche Heiratsalter von 28,1 auf 26 Jahre (Männer) bzw. von 25,4 auf 23,6 Jahre (Frauen) gesunken. Schon in der Altersgruppe der 20-29-Jährigen waren etwa zwei Drittel der Frauen und fast die Hälfte der Männer verheiratet: „Junggesellen“ über dreissig und erst recht ältere ledige Frauen („alte Jungfern“) erweckten Argwohn oder Mitleid. Im Rückblick auf diese Zeit sprechen Soziologen vom „Golden Age of Marriage“. Historisch betrachtet sei die damalige Selbstverständlichkeit von Ehe und Familie eine der „Restauration“ der 1950er Jahre und dem „Wirtschaftswunder“ geschuldete einzigartige „Ausnahmesituation“.

Ausnahmesituation

Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung erleichterten es damals jungen Paaren, früh zu heiraten. Ihr Heiratsverhalten war aber keine „Ausnahme“, sondern folgte dem Beispiel vorangegangener Generationen: Nachdem im Zuge von Aufklärung und Industrialisierung Heiratsverbote abgeschafft worden waren, heirateten mehr als 90 Prozent der Erwachsenen. Zwar wurden während wirtschaftlicher Krisen und Kriege Heiraten häufig zeitlich aufgeschoben. Prosperierte später wieder die Wirtschaft, war die Heiratsneigung dafür umso höher und das Heiratsalter sank.

Seit den 1970er Jahren steigt das Heiratsalter über alle Rezessionen und Wachstums-phasen hinweg kontinuierlich an. Gleichzeitig ist der Anteil der lebenslang Ledigen sprunghaft gestiegen: Während noch in den 1960er Jahren nur fünf Prozent der Erwachsenen nie heirateten, bleiben heute in der jüngeren Generation fast 40 Prozent der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen dauerhaft ledig. Als Folge sowohl des Aufschubs der Heirat wie des Verzichts auf die Ehe sind mittlerweile fast 40 Prozent der Frauen und sogar mehr als die Hälfte der Männer zwischen 30 und 39 Jahren unverheiratet. Zwischen 1900 und 1970 war weniger als ein Fünftel der Männer und Frauen in diesem „klassischen Familienalter“ ledig – die postmoderne Ehemüdigkeit ist tatsächlich einzigartig.

Fragiles Eheglück

Das von jungen Paaren erstrebte Eheglück blieb auch in der vermeintlich „idyllischen“ Nachkriegsära stets fragil: Als besonders scheidungsgefährdet galten die damals noch häufigen „Frühehen“ von Frauen unter 20 Jahren. Trotz des Verschwindens dieser Frühehen ist die Scheidungshäufigkeit sprunghaft gestiegen. Die Geschiedenen wiederum sind – als Folge der späteren Heirat – auch immer älter. Auch deshalb ist die Neigung, nach einer Scheidung wieder zu heiraten, seit den 1970er Jahren stark gesunken. Während früher Geschiedene wie Verwitwete meist rasch wieder heirateten, signalisieren Scheidungen heute oft eine endgültige Abkehr von der Institution Ehe.

Kaskadenbiographien

An die Stelle der lebenslangen Ehe treten heute „Kaskadenbiographien" von Lebensabschnittspartnerschaften und zunehmenden Single-Phasen. Paarbeziehungen neigen deshalb heute dazu, „sich so zu organisieren, dass Trennungsprobleme minimiert werden: eigene Wohnung, getrennte Kassen, keine Ehe, keine Kinder“. Vordenker des Individualismus propagierten solche Beziehungsformen schon vor Jahrzehnten als „optimalen Kompromiss zwischen Selbstverwirklichung und Nähe“.

Mit diesem Idealbild kontrastiert die graue Wirklichkeit: Nur selten sind beide Partner von Modellen des „Living Apart Together“ überzeugt. Sehr viel häufiger als Ehen zerbrechen diese Partnerschaften daher innerhalb weniger Jahre oder gar Monate. Dies, obwohl sich fast alle Paare etwas anderes wünschen: „Sie verlieben sich nicht auf Zeit, nicht vorläufig und nicht probehalber, sondern wünschen eine feste Partnerbeziehung auf Dauer“. Diese Kluft zwischen dem Ideal der „Für-immer-Beziehung“ und dem Trend zur „seriellen Monogamie“ ist ein bisher viel zu wenig beachtetes postmodernes Paradox. Und dass in diesem Paradoxon das Glück nicht zuhause ist, versteht sich von selbst.

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