Familienecke
| Plötzlich spricht alles vom Geburtendefizit ... |
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Was Demographen vor 20 und mehr Jahren prophezeit haben, ist jetzt plötzlich hoch aktuell: Die Folgen der «Unterjüngung», also der fehlenden Kinder, werden sichtbar und messbar. «Der Schweiz fehlen 1,1 Mio. Kinder», schreibt zum Beispiel Remo H. Largo in «Das Magazin» vom 17. September. Die Schweiz stehe vor einer epochalen Entscheidung. (SSF/im.) Laut dem Kinderarzt und Buchautor sind in den letzten 40 Jahren 1.1 Mio. Schweizer Kinder zu wenig geboren worden, um die Schweizer Bevölkerung längerfristig stabil zu halten. Diese Einbusse übersteige deutlich die Zunahme der ausländischen Bevölkerung im gleichen Zeitraum. Largo spricht von einem hausgemachten demografischen Einbruch. «Uns fehlt de Nachwuchs», so Largo. «Er ist die Folge einer verfehlten und über weite Strecken fehlenden Familienpolitik», befindet der schweizweit bekannte Kinderarzt. Blick vernebelt«Die Einwanderung und die vorübergehende Zunahme der Gesamtbevölkerung haben uns während Jahrzehnten den Blick auf die langfristig sehr negative demografische Entwicklung der Schweizer Bevölkerung gründlich vernebelt.» So begründet Largo die Tatsache, dass die Politik auf die Warnungen der Demografen nicht gehört hat. Als Ursachen des Geburteneinbruchs sieht er zwei Gründe: Die Antibabypille, welche erstmals in der Geschichte der Frau ermöglicht hat zu entscheiden, wann sie Kinder haben will. Als zweiten Hauptgrund nennt er die Emanzipationsbewegung der Frau, welche damit Schluss gemacht hat, Mädchen auf eine Aufgabe als Mutter zu erziehen. In der Folge sieht er einen weiteren Grund in der Mehrfachbelastung der erwerbstätigen Frau durch Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt. Darunter hätten vorwiegend die Mütter, aber zunehmend auch die Väter, zu leiden. Dass es in der Schweiz trotz Einsicht noch zu keiner Korrektur gekommen ist, sieht Largo in Versäumnissen der Wirtschaft und der Politik. Von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, nehme die Wirtschaft keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Eltern und Kinder. «Unser gesellschaftliches Wertsystem erwartet einen vorbehaltlosen Einsatz am Arbeitsplatz, auch wenn dies auf Kosten der Familie geht», so die Erfahrung des Pädiaters. Vorbild SchwedenAls Beispiel für eine familienfreundliche Politik, die sich auch positiv auf die Kinderzahlen ausgewirkt habe, beschreibt Largo Schweden. Das Land bietet Vätern und Müttern insgesamt eine 480-tägige Elternzeit, während die Schweiz «nach zähem politischen Ringen» den Müttern gerade 98 Tage zugestanden habe. Zudem habe in Schweden jedes Kind im Vorschulalter Anrecht auf einen Krippenplatz, der von 75% der Kinder auch beansprucht werde. Zudem die schwedischen Schulen nicht nur einen Bildungs- sondern auch einen Betreuungsauftrag. Schweden verfolge ausserdem seit zwei Jahrzehnten das Ziel, Familie und Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden. Das bedeute zum Beispiel Arbeitsbedingungen, welche die Eltern gegenüber andern Arbeitnehmenden nicht benachteiligten. Schweden stellt es Eltern auch frei, die Kinder selbst zu betreuen und bezahlt ihnen dafür einen Beitrag an die Betreuungskosten. Problem am richtigen Ort sehenAnders in der Schweiz. Diese sei der Vorstellung angehangen, angesichts der Bevölkerungsexplosion sei ein Geburtendefizit von 30.000 Kindern pro Jahr kein Problem. Obwohl die Folgen nicht zu Ende gedacht seien, verfolge die aktuelle Familienpolitik genau dieses Szenario. «Eine restriktive Einwanderungs- und Familienpolitik, wie sie die SVP vertritt, beschleunigt dem demografischen Niedergang am wirkungsvollsten», befindet Largo. Die Folgen einer weiter schrumpfenden Schweizer Bevölkerung seien aber massive Probleme für die Wirtschaft und für die Sozialwerke. Auch mit dem breiten Wohlstand wäre es dann wohl vorbei. Eine verstärkte Immigration, welche die andern bürgerlichen Parteien zulassen wollen, würde aber nebst einer weiter abnehmenden Schweizer Bevölkerung zu grösseren gesellschaftlichen Problemen führen. Auch die Politik der Sozialdemokraten und der Grünen habe zwar bescheidene Erfolge vorzuweisen, werde aber die Kinderlücke nicht schliessen können. Es brauche vielmehr ein grundlegendes Umdenken in der Familienpolitik. Den Bürgerlichen gibt Largo zu bedenken: Es gilt Abschied zu nehmen von einem Familienbild, das längst nur noch ein Mythos ist, «der von rechtskonservativen, aber auch gewissen bürgerlichen Kreisen in der Öffentlichkeit immer noch beschworen, aber nicht einmal mehr von ihnen selbst und ihren Kindern gelebt wird.» hier wird Largo ironisch: Wenn die Politiker ein Hohelied auf die Familie anstimmen, dann geht es ihnen in erster Linie darum, die Eigenverantwortung der Eltern zu betonen ...». Das Übel nicht nur in der Immigration sehenDie Schweizer Politik ziehe es vor, anstatt in die Familien zu investieren, «das Übel in der Migration statt in der demografischen Fehlentwicklung» zu sehen. Sie stehe vor einer epochalen Entscheidung:«Entweder wir investieren in eine kinderfreundliche Zukunft oder wir finden uns mit dem demografischen Niedergang ab und lassen eine verstärkte Immigration zu.» Wenn die Schweiz das Ruder herumwerfen wolle, sei allerdings eine neue Umverteilung von Mitteln zugunsten der Familie nötig, was sich auf Einkommen und Steuern auswirken würde. Welche Lebensqualität?Remo Largo sieht aber auch die Voraussetzung für ein solches Umdenken: «Die Kinderlücke zwingt uns, unsere Prioritäten weniger nach ökonomischen und materiellen Kriterien, sondern vermehrt nach zwischenmenschlichen Werten in Familie, Gesellschaft und Wirtschaft auszurichten. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, wie viel uns ein solcher Zuwachs an Lebensqualität wirklich wert ist.» |


