Start Familie und Gesellschaft «Abtreibungskritik wird im Keime erstickt»

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Am 4. Juli hat ein Komitee 110'000 Unterschriften für eine Volksinitiative eingereicht, die das simple Ziel verfolgt, dass Abtreibungen nicht mehr aus der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt werden. Die teils heftige Kritik darauf lässt tiefer blicken.

(SSF/im.) Bezeichnenderweise ist es die Weltwoche, die gleich darauf das gesellschaftliche Tabu «Schwangerschaftsabbruch» thematisierte: «Längst nicht alle Frauen überstehen eine Abtreibung ohne seelische Wunden» schreibt die Zeitschrift, die sich gerne geltenden politischen Trends entgegenstellt, in der Ausgabe Nr. 27/11. Sie beschreibt den Fall einer jungen Frau, der sie den Namen Maria Graf gibt. Sie sei eine unter jährlich etwa 500 Frauen in der Schweiz, die nach einer Abtreibung unter psychischen Problemen bis hin zu Depressionen litten. Nach geltender Literatur seien die meisten der andern betroffenen Frauen von solchen Problemen verschont. Das Blatt zitiert dazu aber die Frauenärztin und Sozialmedizinerin Sibil Tschudin vom Universitätsspital Basel mit den Worten: «Ein Schwangerschaftsabbruch hinterlässt bei allen Frauen Spuren.»

Oft äusserer Druck im Spiel

Ein Problem ist, dass die Fristenlösung keineswegs die grosse Freiheit für die Frau gebracht hat. Laut Tschudin erfahren zahlreiche Frauen vor ihrem Entscheid zum Schwangerschafts-abbruch äusseren Druck: «Die betroffenen Frauen werden hin und her gerissen zwischen verschiedenen Ansprüchen und Forderungen.» Oft fehle es an der nötigen Ruhe und Bedenkzeit für die elementare Entscheidung. Die Zeitung zitiert dazu eine Frau, die während ihrem Entscheidungsprozess einen Spontanabort erlebt und im Nachhinein feststellt: «Ich bin unendlich dankbar, dass ich davor verschont blieb, die Konsequenzen meiner Entscheidung tragen zu müssen.»

Noch immer hochbrisant

«Auch zehn Jahre nach Inkrafttreten der Fristenlösung ist das Thema Schwangerschaftsabbruch noch immer hochbrisant», stellten die Autorinnen des Artikels, Barbara Lukesch und Bianca Litscher, fest. Denn «Abtreibungskritik wird im Keime erstickt». Von daher sei zu verstehen, dass die Initiative zur Abtreibungsfinanzierung «weite Kreise in Alarmbereitschaft versetzte». Mit dem Titel «Sie sind wieder da» habe der Tages-Anzeiger dieser Stimmung Ausdruck verliehen. Als Ausdruck dieser Alarmstimmung werten die Autorinnen auch die Erfahrung, dass einige zu diesem Thema interviewte Fachfrauen anschliessend ihre Aussage zurückgezogen hätten. Sie zitieren dazu den Psychoanalytiker und Kolumnisten Peter Schneider mit den Worten: «Bei einer fortschrittlichen, hart erstrittenen Errungenschaft wie der Fristenlösung vertragen viele Leute es nicht, wenn man es sich gleichwohl erlaubt, Fragen nach der Schuldhaftigkeit des eigenen Tuns zu stellen.»

Initiative deponiert – Fragen ans Komitee

Am 4. Juli 2011 wurden für die Volksinitiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» knapp 110'000 Unterschriften bei der Bundeskanzlei deponiert. Ziel und Zweck der Initiative wurden zum Teil scharf kritisiert. Wir sprachen darüber mit der Co-Präsidentin des Initiativekomitees, CVP-Nationalrätin Elvira Bader.

SSF (Schweiz. Stiftung für die Familie): Frau Bader, war es schwierig, 110.000 Unterschriften für die Initiative zu sammeln?
Elvira Bader: Es war nicht schwierig, aber eine Geldfrage. Mit mehr Geld hätte man die Bogen breiter streuen und schneller sammeln können. Beim Sammeln gab es aber keine grossen Probleme oder Gegnerschaften. Viele wussten jedoch gar nicht, dass man mit der Krankenkassenprämie auch Abtreibungen mitfinanziert.

Wie kommen Sie auf 500 mehr Geburten pro Jahr im Falle einer Annahme?
Wir stützten uns auf eine Studie aus den USA von 1996.. Sie zeigte, dass in Staaten, wo die Abtreibungen privat finanziert werden, die Geburten zunahmen. Wir haben die Zahlen auf die Schweizer Verhältnisse umgerechnet. So kamen wir auf 500 Abtreibungen weniger pro Jahr. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sich die Leute gleich verhalten wie in den USA.

Was sagen Sie zum Vorwurf im Tages-Anzeiger, bei einer Annahme würden die Gesundheitskosten gar nicht sinken, sondern sogar steigen?
Das ist ein schlimmes Argument. Es setzt voraus, dass die Gesellschaft lieber Abtreibungen finanziert als die Kosten von Geburten übernimmt. Das Argument übersieht, dass unsere Gesellschaft von den Kindern der nächsten Generation lebt. Es blendet auch aus, dass diese Kinder wieder Krankenkassenprämien zahlen werden. Wer so argumentiert, müsste alles Leben verhindern wollen, weil es dann weniger kostet.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Initianten hätten es einfach auf die Fristenlösung abgesehen, die ihnen ein Dorn im Auge sei?
Wir wollen nicht die Fristenlösung bekämpfen. Mit der Initiative bleibt der Schwangerschaftsabbruch weiterhin straffrei. Wir wollen die Grundversicherung von Kosten entlasten, die nicht dorthin gehören. Wenn es den Effekt hat, dass dadurch weniger abgetrieben wird, umso besser. Wir wollen den Grundsatz stärken: Leben retten, Gesundheit fördern und erhalten. Schon etliche Länder kennen die Lösung, Abtreibungen nicht durch die obligatorischen Krankenversicherung zu finanzieren. Versicherte, die aus Gewissensgründen diese Leistung nicht bezahlen wollen, sollen es auch nicht tun müssen.